Weinviertel: Konkurrenz für den Süden
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Weinviertel: Konkurrenz für den Süden

Gewerbeflächen. Nördlich von Wien entsteht ein neuer Wirtschaftspark. Zwei Gemeinden suchen ihren Anschluss an die Großstadt.

Wien wächst. Während im Zentrum der Metropole die Grundstücke knapp werden und in der Folge die Immobilienpreise steigen, sehen Regionen im Umland große Chancen für ihre lokale Wirtschaft. In den nächsten Jahren könnte dabei besonders der Nordosten rund um den Speckgürtel der Bundeshauptstadt in den Fokus von Gewerbetreibenden kommen. Denn mit dem Bau der Autobahn A5 steigt auch das Ansiedlungsinteresse von Unternehmen auf der Verkehrsachse Wien–Brünn–Prag.

Günstiger als der Süden

Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der neue, rund 50 Kilometer vom Zentrum Wiens entfernte, interkommunale Wirtschaftspark. Er ist ein Gemeinschaftsprojekt von Mistelbach und Wilfersdorf, das seit etwa fünf Jahren zunehmend Gestalt annimmt. Auf einer Fläche von insgesamt 35 Hektar wollen die beiden Gemeinden, die zusammen rund 14.000 Einwohner zählen, zahlreiche Firmenansiedelungen generieren.

Auch wenn bereits zwölf Hektar an sieben Unternehmen verkauft sind, ist heute vor Ort noch nicht besonders viel los. Nur Keider Elektro, ein Unternehmen für Installationstechnik, ist bereits auf das neue Gelände übergesiedelt. Das Großhandelsunternehmen Audio Tuning will bis Ende 2016 ein Logistikzentrum an dem Standort errichten. „Ich kann keinen verstehen, der jetzt im Süden von Wien baut“, sagt dessen CEO Heinz Lichtenegger. Sein Unternehmen, das jährlich 120.000 Plattenspieler verkauft, schätzt außer der Anbindung zu den Produktionswerken in Tschechien auch die günstigen Grundstückspreise.

An Firmen, die sich bei Mistelbach niederlassen, hat die Gemeinde jedoch auch gewisse Anforderungen: „Wir streben technologieorientierte und qualitativ hochwertige Unternehmensansiedlungen an“, sagt Mistelbachs Bürgermeister Alfred Pohl. Die Errichtung eines Schotterwerks passe beispielsweise nicht in den angestrebten Branchenmix.

Dass es grundsätzlich ein Preisgefälle zwischen dem südlichen und nördlichen Umland von Wien gibt, kann Immobilienberater Eduard Praitenlachner bestätigen. „Südlich kostet ein Quadratmeter aktuell zwischen 250 und 300 Euro, im Norden hingegen nur rund 150 bis 200 Euro“, sagt der Experte, der bei Otto Immobilien speziell mit Industrie- und Gewerbeflächen vertraut ist. Seine Angaben beziehen sich jedoch auf Gebiete, die deutlich näher am Stadtzentrum liegen als Mistelbach. Im Wirtschaftspark A5 liegt der Quadratmeterpreis mit rund 56 Euro nochmals um einiges niedriger. Mit einem Blick in die politische Vergangenheit der grenznahen Region betont der Immobilienberater auch, dass der Norden in der Vergangenheit abgeschnitten gewesen sei, heute aber durch die Ostöffnung immer interessanter werde.
Bei einem interkommunalen Wirtschaftspark ist jedoch nicht nur die Einnahmen- und Ausgabenseite der sich ansiedelnden Unternehmen entscheidend, auch die Investoren müssen davon profitieren – in diesem Fall Mistelbach und Wilfersdorf. Konkret bedeutet dies, dass erst einmal eine öffentliche Anschubfinanzierung notwendig ist. Diese muss sich zu einem späteren Zeitpunkt für die Gemeinden auch auszahlen.

Öffentliche Gelder

Die Errichtungsinvestitionen liegen bei 3,2 Mio. Euro, teilt der Stadtamtsdirektor von Mistelbach, Reinhard Gabauer, mit. Die Wirtschaftsagentur von Niederösterreich und der Bund fördern das Projekt mit insgesamt etwa 400.000 Euro. Der Deal zwischen den Gemeinden sieht vor, dass Mistelbach 60 Prozent und Wilfersdorf 40 Prozent der Investitionen trägt. Eine Kostendeckung wird laut Gabauer „entsprechend der zugrunde liegenden Wirtschaftlichkeitsberechnung nach 20 Jahren bei vollständiger Verwertung“ erreicht.

Bevor die beiden Gemeinden also von dem Wirtschaftspark mit Autobahnanschluss monetär profitieren können, müssen sie selbst erst einmal eine Menge öffentliche Gelder in die Hand nehmen. Der Mehrwert soll dem Stadtamtsdirektor zufolge dauerhaft darin liegen, dass über 300 Arbeitsplätze entstehen und diese auch eine entsprechend positive Wirkung auf die Kommunalsteuereinnahmen haben. Weil 20 Jahre allerdings eine lange Zeit sind und auch andere Regionen im Weinviertel sich von der neuen Verkehrsanbindung positive Effekte erhoffen, bleibt abzuwarten, ob sich der Wirtschaftspark A5 wirklich für die beiden Gemeinden rechnet.
Wer nämlich von Wien kommt, fährt auf halber Strecke erst einmal an Wolkersdorf vorbei, das ansiedlungsinteressierten Unternehmen auf 63 Hektar auch gute Entwicklungsmöglichkeiten bietet. 34 Unternehmen haben sich bereits für diesen Standort entschieden. Wer sich über die Vorteile beider Wirtschaftsparks informiert, erfährt nahezu das Gleiche: Die Verkehrsanbindungen sind sehr gut, die Flächenverfügbarkeit ist sehr groß, und Wien ist quasi um die Ecke. Dies mag alles stimmen, aber dennoch zeigt es auch eine Konkurrenzsituation zwischen den einzelnen Standorten auf, die – zumindest in Mistelbach – sehr deutlich kommuniziert wird.

Quelle: Rainer Hennig, Die Presse

Bild: Beny Shlevich, CC 2.0